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Warum Kollektiv und wie?

7. März 2013
The Co-op Museum, Toad Lane, Rochdale.

The Co-op Museum, Toad Lane, Rochdale.
Image Copyright Jeff Mills. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic Licence. To view a copy of this licence, visit http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ or send a letter to Creative Commons, 171 Second Street, Suite 300, San Francisco, California, 94105, USA.

Manche mögen sich fragen, warum wir ein Kollektiv gründen, statt einen „ganz normalen Laden“ zu machen. Zunächst einmal eine Klärung des Begriffes „Kollektiv“. Um unser Modell zu beschreiben, verwenden wir den englischen Begriff „worker cooperative“ (Arbeiter-Genossenschaft), also eine bestimmte Art der Genossenschaft,  jedoch nicht zentral organisiert, wie z.B. die Coop eG.

Genossenschaften sind üblicherweise Organisationen/Unternehmen, die einzelne Anteile an Mitglieder verkaufen. Damit werden die Käufer der Anteile Anteilseigner. In einer solchen Genossenschaft wäre es daher so, dass in unserem Beispiel diejenigen, die die Anteile kaufen, Eigentümer des Ladens würden und somit Arbeitgeber*innen derjenigen wären, die im Laden arbeiten. Dies kann man nur dadurch verändern, dass nur diejenigen, die im Laden arbeiten, Anteile am Laden halten dürfen. Zudem ist das Genossenschaftsrecht in Deutschland sehr streng und die Mitgliedschaft in einem Kontrollverband recht teuer. Daher haben wir uns gegen die Rechtsform der Genossenschaft ausgesprochen. Unsere Rechtsform ist derzeit die einer GbR.

Zurück zum Kollektiv oder Kooperative: Die Grundidee ist, dass die Gründer*innen einer Firma auch Eigentümer sind – und das alle, die mitarbeiten auch Kollektivmitglieder und somit Miteigentümer auf Augenhöhe sind. Damit gibt es keine Hierarchien und keine Chefs und Angestellten.  Warum? Weil es aus unserer Sicht schwierig wird, wenn wir unter Freunden diese Einteilung haben. Manche meinen, in einem Kollektiv würde es immer zu Streit kommen. Aber soviel wir wissen, kann es immer, wenn Menschen zusammenarbeiten,  Streit geben.

Trotz allem wird es bei uns auch (zeitlich befristet) Angestellte geben. Das hat einen einfachen Grund:  Unser Kollektiv soll klar umrissen sein. Es muss ein Weg gefunden werden, den Weg ins Kollektiv zu finden. Dabei kann es weder sein, dass jedeR der/die mitarbeitet, sofort volles Kollektivmitglied ist und volle Rechte und Pflichten hat, weil damit niemandem geholfen ist. Weder ist es zumutbar jemand der nur reinschnuppert, das volle Risiko aufzubürden, noch wollen wir denjenigen sofort das volle Recht geben, weitreichende Beschlüsse mit abzustimmen. Wenn wir das Kollektiv aufbauen, dann wollen wir auch die Zukunft selber gestalten.

Was neue Kollektivmitglieder angeht, so wird es für diese eine Probezeit von 6-9 Monaten geben. Danach werden sie entweder aufgenommen oder müssten aussteigen. Das haben wir im GbR-Vertrag festgehalten. In unserem Kollektiv gilt theoretisch das Mehrheitsprinzip. Was bei zwei Mitgliedern derzeit nur auf dem Papier steht, wird erst ab drei Mitgliedern interessant. Warum kein Konsens? Weil Konsens dem Wesen demokratischer Entscheidungen widerspricht. Es ist zwar schön, wenn sich alle einig sind und es lohnt sich sicher oft einen Konsens anzustreben. Bei vielen Entscheidungen ist es aber nicht möglich, wenn man keine Entscheidung treffen kann. Dieses würde dann entweder bedeuten, dass der Betrieb aufgelöst werden muss oder handlungsunfähig wird. Zudem hat bei Konsens die Minderheit oder der/die Einzelne die gleichen Rechte wie eine überwiegende Mehrheit. Damit aber stellt man grundsätzliche demokratische Prinzipien in Frage und ermöglicht es, dass Wenige über Viele Macht ausüben. Das Gegenteil jedoch ist die Gemeinschaft, die wir aufbauen wollen. Wenige, die über Viele herrschen, das ist es, was wir jeden Tag in Chefbetrieben oder der Politik erleben dürfen.  [Interessant dazu auch der Artike:l Über die Organisierung – DA 215]

Am Anfang, in der Keimzelle unseres Betriebs haben wir Konsens, da wir zu zweit sind. Wir sind voll aufeinander angewiesen und vielleicht ist es in dieser Phase jetzt auch das Beste, weil wir dadurch gezwungen sind, zunächst an allen Stellen einen gemeinsamen Nenner zu erzielen. Eine gemeinsame breite Basis hilft uns an einem Strang zu ziehen. Wenn der Betrieb aber läuft und das Kollektiv wächst, wollen wir nicht die Erfahrung mancher Kollektive wiederholen und die Existenz des Ladens riskieren. Unsere Existenz hängt an dem Laden und  damit auch das Risiko sich zu verschulden, wenn wir uns in eine Sackgasse manövrieren würden.

Über die Ebene des Kollektivs – der Eigentümer*innen im Betrieb hinaus, sehen wir die Laden-Mitglieder (Kunden) als wichtige Kooperationspartner*innen. Alle Kunden können auch Mitglieder werden und über den Weg eines „nicht eingetragenen Vereins“ konstruktiv mit uns in einen Dialog treten. Es wird zwar nicht so sein, dass uns Vorgaben gemacht werden können, doch sollen die im „Mitgliederverein“ erarbeiteten Vorschläge Bestandteil unserer Planung und Ausrichtung sein.  Die Mitspracherechte und ein Mindestmaß an Transparenz, werden wir schriftlich festlegen. Transparenz kann Vertrauen schaffen und ermöglicht allen Mitgliedern, sich ein Urteil über unser Tun und Wirtschaften zu bilden.

Wir gründen den Laden, um anders zu arbeiten. Vom Geschäftszweck tun wir etwas, wozu wir stehen können. Wir wollen unabhängig sein von Vorgesetzten und wollen auch selber keine sein. Eine Vernetzung mit anderen Kollektiven streben wir an, weil durch ein solches Netzwerk eine andere Wirtschaftsweise befördert werden kann.

Ein Kollektiv umzusetzen, ist nicht einfach. Die Realität erfordert oft Kompromisse, die man eigentlich vermeiden möchte. Vermeiden ließen sie sich aber nur, wenn man das Wagnis einer Selbständigkeit nicht eingehen würde. Im bisherigen Verlauf des Kollektivs gab es viele Punkte, an denen wir das Projekt tendenziell eher beenden wollten. Eine Aufgabe wäre der leichte Weg gewesen. Man begibt sich dann auch nicht in Gefahr zu scheitern oder Fehler zu machen. Aber Fehler sind schließlich menschlich. Und von irgendwas muss man leben. Und wir denken nach wie vor: Lieber selbst bestimmt arbeiten als abhängig beschäftigt.

Was das Wachstum unseres Kollektivs angeht: Im Moment nicht. Erst einmal muss alles anlaufen. Sofern Gewinn und genug Arbeit auf absehbare Zeit vorhanden sind, würden wir gerne einen oder eine Dritte/n dazunehmen. Aber darüber machen wir uns jetzt keine Gedanken und daher lohnt es sich im Moment leider nicht, diesbezüglich Anfragen an uns zu richten. Sobald der Zeitpunkt gekommen ist, schreiben wir dazu dann einen Blogartikel.

Übrigens: 1899 wurde in Kiel der Allgemeine Konsumverein Kiel (AKVK) gegründet (Quelle: Wikipedia)

Zum Weiterlesen:  Burghard Flieger: Was macht uns groß und stark – Die Arbeiter- und Konsumgenossenschaftsbewegung in Deutschland

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